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Review von „The perks of being a wallflower“ („Vielleicht lieber morgen“)

Ein “wallflower” ist ein schüchternes Individuum, welches nur sehr begrenzt am sozialen Leben der Anderen teilnimmt. Charlie aus dem Film „Vielleicht lieber morgen“ ist genau so ein „wallflower“. Dieser Zustand kommt allerdings nicht von ungefähr, denn Charlies Psyche hat einen ernsthaften Kratzer: Resultierend aus dem frühen Tod seiner geliebten Tante wird er von Wahnvorstellungen geplagt und mangels einer Bezugsperson schreibt er seit dem Selbstmord seines besten Freundes Briefe an eine imaginäre Bekanntschaft.

Nichtsdestotrotz lernt Charlie langsam, seine Psychosen in den Griff zu bekommen und es wird für ihn Zeit, zurück ins Leben der 1990er Jahre zu finden. Als Highschool-Jüngling zählt er die verbleibenden Schultage und versucht sich in der ungewohnten Umgebung zurechtzufinden; mit Ausnahme der Englischstunden hat der passionierte Schreiber anfangs jedoch wenig Grund zur Freude. Bis er die Stiefgeschwister Sam und Patrick kennenlernt: Die beiden Seniors integrieren ihn in ihren (Drogen-) Freundeskreis und Charlie schafft es endlich, seine Gedanken zu verdrängen. Schnell stellt er jedoch fest, dass die beiden fast genauso viele Probleme haben wie er selbst: der Spaßvogel Patrick führt heimlich eine homosexuelle Beziehung mit einem Footballer, Musikfetischistin Sam wurde von klein auf missbraucht und hat seitdem Schwierigkeiten, sich auf den richtigen Typen einzulassen. Charlie wäre gern ihr „richtiger Typ“, traut sich aber nicht so recht, ihr seine Gefühle zu gestehen. Und dann wären da ja noch die anderen Mitglieder der Clique … es entwickelt sich ein Zusammenspiel von Spaß und Ernst, Glück und Traurigkeit.

Stephen Chobsky hat sich dem Drehbuch und der Regie zu seinem eigenen Roman „The Perks of being a Wallflower“ (Originaltitel) angenommen und damit ein 103-Minuten-Movie voller Melancholie erschaffen. Seine Schauspielerauswahl war dabei äußerst glücklich – ob Logan Lerman als seelisches Wrack, Ezra Miller als flippig-tiefsinniger Patrick oder Emma Watson in der Rolle des (etwas zu britisch angehauchten) Problemmädchens Sam, die Darsteller überzeugen durch die Bank. Die Filmweise ist mit seinem „Brief-Erzähler“ indie-angehaucht und mainstreamkompatibel zugleich, der gelungene Soundtrack erinnert mit seiner The Smiths-Hommage verdammt an „500 Days of Summer“. Und die Story? Ist herzzerreißend. Der Zuschauer wird durch den Gefühlsfleischwolf gedreht, von himmelhoch jauchzend bis zum Tode betrübt ist alles dabei. Man lernt, sein eigenes Leben zu schätzen und ist trotzdem neidisch auf die Leichtigkeit der Teenager, die zu David Bowies „Heroes“ auf dem Dach ihres Pick-Ups durch den Autobahntunnel düsen.

Selten kann ein Kinofilm so bewegen.

Siehe auch „Tune of the week„.

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