You’d think I’ve had the time of my life

Beginnt mit der Schule „Der Ernst des Lebens“, so soll nach allgemeiner Ansicht das Studium „Die beste Zeit des Lebens“ sein. Nachdem ich nun fast drei Jahre dieser viel gelobten Uni-Phase gewidmet habe, hoffe ich doch, dass DAS nicht schon die Hoch-Zeit meines kurzen Daseins auf dieser Erde war. Man erwartet ja so einiges als motivierter Ersti, der mutig in eine fremde Stadt zieht, um ein bisschen zu lernen und ganz viel Spaß zu haben. Und was bekommt man? Mehrere Jahre voller seelischer Auf und Abs. Mit gar nicht so vielen neuen Erfahrungen, dafür aber neuen Ängsten und verschwundenen Ersparnissen.

Meine ganz persönliche Abrechnung mit dem „Mythos Studium“.

Mythos 1: Let’s do whatever we want when we want

Heimkommen, mit wem man möchte, wann man möchte. Pizza bestellen, wenn man Lust drauf hat. Putzen, falls es dringend nötig ist. The joys of a student life. Oder auch einfach: Die Freuden eines jeden, der nicht mehr Zuhause wohnt. Beziehungsweise Eltern hat, denen es herzlich egal ist, was ihr Sprössling so treibt. Dass man es geschafft hat, relativ unabhängig zu leben, hat doch nur entfernt etwas mit dem Berufsweg nach dem Abi zu tun. Vielleicht begünstigt das Studium in einer weit entfernten Stadt den Umzug, vielleicht bleibt man aber auch in seinem Kinderzimmer, weil sich Pendeln einfach mehr lohnt. Letztendlich entscheidet man selbst, was man wann wie und wo macht. Und jeder hat mit seinen eigenen Problemen zu kämpfen – wie sonst auch.

Mythos 2: Kontakte, Kontakte, Kontakte

Im Studium lerne man ja sooo viele Leute kennen, die einen bis ins spätere Leben begleiten. Naja. In meinem Fach bildeten sich in den ersten zwei Wochen Grüppchen, die sich seitdem nur geringfügig verändert haben. Man hängt also mit seiner „Abteilung“ in den Pausen rum und trifft hin und wieder andere Kollegen. Kennt man auch von woanders, oder? Ob man sonst noch wen in den Bekanntenkreis aufnimmt, hängt natürlich davon ab, wie viele Partys man besucht und an wie viele seiner neuen Kontakte man sich dann noch erinnern kann. Aber damit wären wir schon beim nächsten Punkt.

Mythos 3: Exzesse, Exzesse, Exzesse

Wenn man in einer halbwegs coolen Stadt lebt, gibt es so gut wie jeden Tag irgendeinen Anlass sich zu betrinken. Und lebt man in keiner coolen Stadt, veranstaltet man die Party halt selbst. Da wir uns ja alle regelmäßig gnadenlos ins Koma saufen und dadurch Gott weiß was tun, hängen überall so komische Poster, die dir sagen, dass du doch mal dein Limit kennen sollst. In Realität kennen wir unser Limit aber durchaus. Wir müssen es auch kennen. Die Anwesenheitspflicht zwingt uns, am nächsten Tag zur Uni zu gehen und wenn es nicht diese dämliche Regelung tut, dann dieses böse Wort der „Regelstudienzeit“, die man doch ungern mehrere Semester überschreiten möchte, oder die zu wenigen Masterplätze. Abgesehen davon ist Freihaben schließlich nicht gleichbedeutend mit Freizeit. Man kommt nicht einfach abends nach Hause und kann mit dem Tag abschließen. Es gilt irgendwelche schäbig kopierte Essays zu lesen, Gehörtes nachzuarbeiten und Hausarbeiten zu schreiben, die eh keiner liest. Oder auch Geld zu verdienen. Denn ohne Letzteres sind die Exzesse wohl ein noch größerer Mythos.

Mythos 4: Dir stehen alle Türen offen!

Das Studium geht ja doch meist einher mit der „Mittellosigkeit“. So gut wie jeder muss bei seinem Studium noch etwas dazu verdienen. Ob man das zusätzliche Geld dann für Urlaube und Festivals oder das Täglich Brot ausgibt, hängt davon ab, woher die restlichen Finanzspritzen so kommen. Aber Fakt ist: der Nebenjob ist gang und gäbe. Damit uns nach dem Studium auch wirklich „alle Türen offen stehen“, sollte das Moneten verdienen allerdings nicht aus dem stressigen Ordnen von Kleidungsstücken bestehen, sondern aus etwas, was wir auch in unsere schleimige Bewerbung schreiben können. Studieren kann schließlich jeder. Ein Praktikum oder einen Job kriegt man erst mit ausreichend Arbeitserfahrung. Idealerweise war man gleichzeitig noch so ehrenamtlich engagiert wie Mutter Theresa und hat mindestens ein halbes Jahr im Ausland verbracht. Und damit wären wir direkt beim „Allerschlimmsten“ des Studiums angekommen: Studieren ist nur dieser klitzekleine Punkt, der ganz am Anfang einer Jobbeschreibung steht (abgeschlossenes Studium in …), für den Rest muss man selbst sorgen. Ist man nicht ganz uninteressiert an seiner Zukunft, kommt zum ständigen „Eigentlich müsste ich ja was für die Uni tun oder Geld anschaffen“-Gedanken also auch noch eine ständige To-Do hinzu: „für potentielle Arbeitgeber interessant werden“. Irgendwann (sechstes Semester, spätestens siebtes) nimmt Letzteres dann Überhand und beeinflusst dich so sehr, dass sich jedes Gespräch mit den Mitstudenten schlussendlich um die Zukunft dreht. Was macht der jeweils andere? Was hebt einen von der Konkurrenz ab? Klugscheißer sind wir schließlich alle geworden. Nur was hat man eigentlich wirklich gelernt? Wäre eine Ausbildung nicht besser gewesen? Wo soll man sich jetzt eigentlich bewerben? Auf einmal wirkt das erste Semester in der Retrospektive dreimal so gut wie damals … Und der Kindergarten wie der Himmel auf Erden.

Studium? Daumen runter! Zumindest für mich.

Mehr Frustration über Geisteswissenschaftler und die Generation Y übrigens hier, noch persönlicher gefärbte Frustration über meine Fächer an sich: dafür müssten wir uns unterhalten.

9 Kommentare

  1. Ja und ja. Wobei ich nicht direkt aus der geisteswissenschaftlichen Ecke komme, jedoch packt mich beim Gedanken an das Arbeitsleben das nackte Grauen. =D

    1. Ja, ich denke das Job-Problem hat man in so vielen Fächern. Und die anderen haben Probleme bezüglich der Masterplätze.

      Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr fällt mir ein, was ich hätte kritisieren können haha.

  2. Ja, da ist schon was dran. Bei mir war die Studienzeit auch nicht so rosig – ich war nicht grad ehrgeizig es schnell zu schaffen und habe mich verzettelt. Von Verwandten kamen häufig Fragen, Was willst du denn damit machen? Auch nach dem Abschluss war es ein längerer Irrweg, jedoch stehe ich immer auf dem Standpunkt dass wenn man als Geistenwissenschaftler einen guten Job will, es mit Durchhaltevermügen auch schaffen kann. Habe sehr viel ausprobiert und bin jetzt recht erfolgreich bei einer Online-Marketing-Agentur gelandet. Da die Arbeit dort nichts mit Kunst zu hat, musste ich mich durch viele anfangs nicht so bequeme Themen wie IT durchbeißen. Das ist vielleicht Vielen auch einfach zu anstrengend.

  3. Oh, als Geisteswissenschaftlerin bin ich hier ja an der richtigen Adresse 🙂 Du hast recht, mit dem, was du schreibst. Friede, Freude, Eierkuchen…das ist das Studium nicht. Nicht nur zumindest. Es hat aber auch seine schönen Seiten (das sind dann die Seiten zwischen den Referaten und vor den Prüfungen :D). Das mit den Grüppchen stimmt weitestgehend auch bei uns. Mein Freundeskreis an der Uni baut sich Gott sei Dank immer weiter aus, aber zu den fest eingeschworenen Leuten werde ich wohl nicht vorstoßen. „Exzesse, Exzesse, Exzesse“ – sehr schöner Punkt, den du da ansprichst 😀 Bei uns herrscht das Motto: Die ersten zwei Wochen des jeweils neuen Semesters halten alle noch fleißig durch mit Party und Alkohol, aber danach holt dich das Leben ganz schnell ein.
    So isses. Wir wissen das, aber alle anderen Schwätzer da draußen haben es noch nicht kapiert 🙂

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