Love knows not distance; it hath no continent

Rezension zu „Ein Teelöffel Land und Meer“ von Dina Nayeri (erscheint heute!)

Vorderasien, ehemalige Monarchie, Golfkrieg, Menschenrechtsverletzungen. Schlagworte zum „Iran“ kann wohl jeder nennen, aber wie es dem Land wirklich ergangen ist oder in welcher Situation es sich zurzeit befindet – das erfährt man nur durch einheimische Kontakte oder Reisen. Oder mithilfe von Büchern: Autorin Dina Nayeri wurde während der Islamischen Revolution im Iran geboren und ist mit zehn Jahren nach Oklahoma emigriert. Mit ihrem Debütroman „Ein Teelöffel Land und Meer“ verarbeitet sie ihre iranischen Wurzeln und bringt uns die Landesgeschichte im kleinen Rahmen näher.

Es geht um Saba Hafezi, die in ein tiefes Loch stürzt, als im Jahr 1981 sowohl ihre Zwillingsschwester Mahtab als auch ihre Mutter spurlos verschwinden. Die 11-jährige lässt sie in ihren Träumen und Gedanken weiterleben, denn sie ist überzeugt davon, dass sich der andere Teil ihrer Familie wohlbehalten in Amerika aufhält. Saba fragt sich, wie weit die beiden entfernt von ihr sind: Wie viele Teelöffel Land und Meer jetzt zwischen ihnen liegen? Sie befindet sich schließlich immer noch im Iran. Mittlerweile allerdings eher ländlich angesiedelt, weil sich ihr Vater und sie als Christen in dem Islam dominierten Land verstecken müssen. In ihrem Dorf werden die gastfreundlichen Schwerreichen jedoch akzeptiert und Freundinnen der Familie helfen Sabas Vater, seine verbliebene Tochter aufzuziehen. Diese ist gewitzt und intelligent, sie könnte locker auf eine Universität gehen, verzichtet aber auf diese Freiheit und lässt sich (für mehr Freiheit!) zwangsverheiraten – für sie ist studieren im Iran keine Option. Saba ist nämlich überaus fasziniert von den USA: sie schaut illegal importierte amerikanische Filme, liest amerikanische Magazine und rebelliert damit im Verborgenen gegen die iranischen Konventionen. Diese Flucht aus dem Alltag hat sie dringend nötig, schließlich ist ihr Leben alles andere als einfach mit den Pflichten als Ehefrau, der Dreiecksliebesgeschichte mit ihren Kindheitsfreunden sowie dem menschenunwürdigen Verhalten im ganzen Land. Und dann wäre da auch immer noch die Hoffnung, Mutter und Schwester wiederzufinden …

Der Roman wird aus verschiedenen Perspektiven und achronologisch erzählt, für ein umfangreiches Bild von Sabas jugendlichem Leben im Iran. So verweben die Gastmütter zum Beispiel teils Erlebtes, teils Fabuliertes in ihre Geschichten oder die Mutter von Kindheitsschwarm Reza wartet mit einer eher nüchternen Betrachtung der Vergangenheit auf. Persische Bruchstücke sorgen dabei für sprachliche Authentizität. Nichtsdestotrotz wird der Leser auf Distanz gehalten: es gibt keinen Ich-Erzähler, nur auf Saba fixierte Aussagen. Außerdem macht die künstliche Erzählsituation offensichtlich, dass der Leser lediglich als Beobachter fungiert. Mitfühlen ist demnach äußerst schwierig. Das wäre eventuell nicht schlimm, wenn auf den langatmigen 517 Seiten überaus viel passieren würde, doch „Ein Teelöffel Land und Meer“ dreht sich hauptsächlich um Gefühle, um Sebas Amerika-Verliebtheit und um ihre Gedanken an Mahtabs Schicksal. Man wünscht sich mehr Action, mehr „ich suche meine Schwester“-Aktionen. Stattdessen gibt es inhaltliche Wiederholungen und Redundanzen, die in ein extrem unbefriedigendes Ende münden.

Klar, es ist dennoch faszinierend, in eine fremde Welt einzutauchen. Aber was davon kann man für bare Münze nehmen? Hat man so im postrevolutionären Iran gelebt? Oder war es noch grausamer, noch schwieriger? Nicht umsonst schreibt Nayeri im Anhang: „Diese Geschichte ist mein Traum vom Iran, den ich aus der Ferne erschaffen habe, so wie Saba sich ein Amerika für ihre Schwester erträumt.“ Sabas Amerika-Bild ist völliger Humbug, vielleicht sollte man also doch lieber eine Reise in den Iran in Angriff nehmen …

Mit Dank an die Buchbox Berlin!

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