rezension

God is coming back and he is going to be pissed

Review: John Niven – Gott Bewahre (The Second Coming)

Ein Buch mit einer rauchenden Jesus-Figur auf dem Cover und dem bedeutungsschwangeren Titel „Gott Bewahre“ ist vermutlich nicht der offensichtlichste Anwärter auf den netten Bonus-Aufkleber „Bestseller“. Mit Skandalautor John Niven als verantwortlichen Schreiberling ist jedoch direkt eine vielversprechende Grundlage gelegt, die schon nach ein paar Seiten den Erfolgsstatus des (neuerdings) Taschenbuchs rechtfertigt.

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Tune of the week: The National – Terrible Love

Diese Woche habe ich Berlin mal richtig ausnutzen können: ich besuchte nicht nur eine Show der Fashion Week und saß in der „Front Row“, ich war auch bei der Premiere von „Mistaken for Strangers„, in Anwesenheit von Matt und Tom Berninger.

Review: Mistaken For Strangers

Vom Dreh anspruchsloser Horror-Splatter-Movies zum angesagten Dokumentar-Regisseur: so lässt sich die Karriere von Tom Berninger kurz und knapp zusammenfassen. Tom Berninger, das ist der kleine Bruder von Matt Berninger, seines Zeichens Sänger der überaus gefeierten Indie Rockband The National. Während Matt die großen Bühnen der Welt besingt, hängt Tom in Cincinnati rum und bemitleidet sich selbst. Matt lädt ihn daraufhin ein, die nächste The National Tour als Roadie zu begleiten. Tom ergreift die Gelegenheit, ist aber nur ein halbwegs akzeptabler Tourbegleiter: statt Handtücher und Essen bereit zu halten, filmt er lieber alles, was um ihn herum geschieht. (mehr …)

The statistical probability of love at first sight

Review: Jennifer E. Smith – The statistical probability of love at first sight (Die statistische Wahrscheinlichkeit von Liebe auf den ersten Blick)

Young Adult Romane sind nie die anspruchsvollsten. Sie sind nette, kleine Büchlein für zwischendurch, die man im besten Fall an einem Abend verschlingt. Im besten Fall. „Die statistische Wahrscheinlichkeit von Liebe auf den ersten Blick“ beschreibt zwar nur 24 Stunden, der Lesevorgang kann sich jedoch durchaus über eine Woche erstrecken. Mal hier, mal da eine Seite – die 216 an der Zahl plätschern lieber einfach nur vor sich hin. Vermutlich ist die Story einfach zu begrenzt: Die Amerikanerin Hadley fliegt zu der Hochzeit ihres Vaters nach London und ist (natürlich) überhaupt nicht begeistert, dass dieser sich entschieden hat, ihrer Mutter „Auf Wiedersehen“ zu sagen. Glücklicherweise verpasst sie ihren ersten Flug und trifft beim Warten auf Oliver, einen Briten, der in Yale studiert und für ein paar Tage zurück in seine Heimat fliegt. Die beiden verstehen sich (natürlich) direkt, sitzen dann (natürlich) nebeneinander im Flieger und vertreiben sich die lange Zeit in der Luft mit lustigen Gesprächen. Sie sind (natürlich) wie füreinander geschaffen, aber in Heathrow muss Hadley so schnell in ihr Taxi steigen, dass sie (natürlich) keine Kontaktdaten austauschen können. Ob sie sich trotzdem nochmal wiedersehen? Natürlich.

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Even bad times have good things in them to make you feel alive

Review: „A Long Way Down“

Ob ein Selbstmord schon mal gescheitert ist, weil sich in genau dem Moment an genau dem Ort noch jemand anderes das Leben nehmen wollte? Nick Hornby bringt diese Situation in seinem jetzt verfilmten Roman „A Long Way Down“ ad absurdum: Gleich vier Personen möchten sich in der Silvesternacht auf einem Londoner Hochhaus das Leben nehmen: Talkmaster Martin (Pierce Brosnan), Vollzeit-Mutter Maureen (Toni Collette), Politikerkind und Partyqueen Jess (Imogen Poots) sowie der pizzaliefernde Musiker Jesse (Aaron Paul). Da ein Selbstmord mit wartenden Zuschauern nicht mehr so attraktiv erscheint wie zuvor, verbringen die vier stattdessen die Nacht miteinander und erzählen sich ihre Lebensgeschichten – allen voran natürlich den Grund für die Misere, aus der sie sich befreien wollen. Letztendlich schließen sie einen Pakt: bis zum Valentinstag bringt sich niemand um. In den folgenden sechs Wochen passen die Selbstmordgefährdeten aufeinander auf, freunden sich an und erlangen so sogar mediale Berühmtheit. Aber ob das ein Grund ist, am 14. Februar auf den tödlichen Sprung zu verzichten? (mehr …)

This one roadtrip novel you should all read

Buchreview von Philipp Reinartz – Katerstimmung

Roadtrip-Werke sind ja immer so eine Sache. Oft zu absurd und übertrieben oder auch gern mal zu philosophisch nach dem Motto „es passiert wenig, aber wenigstens denken wir alle nach“. Philipp Reinartz ist diese Probleme galant umgangen und hat mit „Katerstimmung“ einen Roman geschrieben, der nur so vor Humor strotzt und gleichzeitig unsere Gesellschaft karikiert. (mehr …)

Tune of the week: Lass das mal den Papa machen

In letzter Zeit war ordentlich Fremdschämen angesagt. Nicht nur wegen der ganzen Supergeil-Sache (Donnerstag sah ich per Zufall Herrn Liechtenstein live!), sondern auch wegen des neuen Stromberg Films. Der Papa ist schließlich die Fremdschämfigur Nummer Eins hierzulande. Ich habe die Staffeln damals alle im TV geschaut und so war „Stromberg – Der Film“ ein Kino-Pflichttermin. In dem Crowdfunding-Movie macht Stromberg mit seiner Belegschaft einen Ausflug zur 50-Jahre-Jubiläumsfeier der Capitol Versicherungsgesellschaft.  Es erwarten einen demnach alle bekannten Figuren in neuer Umgebung. Eigentlich eine gute Voraussetzung und es fing auch echt nicht schlecht an, mit vielen Fettnäppchen und punktgenauen Pointen. Leider wird die Story irgendwann viel zu haarsträubend – das Ende ist einfach unfassbar bekloppt. Auch für den Abspann kann ich keine positiven Worte finden. Daher ist der Stromberg-Ableger ein durchwachsener Film, der mich unglücklicherweise auch noch mit einem schlimmen Ohrwurm verfolgt: „Lass das mal den Papa machen“ geht seit dem Kinodienstag nicht mehr aus dem Kopf.
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I don’t want to survive. I want to live.

Review: 12 Years A Slave

Nordamerikanische Sklavenerzählungen aus dem 19. Jahrhundert gibt es viele. Berechtigterweise. Schließlich wollten die Autoren mit ihren qualvollen Schriften erreichen, dass der Abolitionismus weiter vorangetrieben wurde. Eins dieser „slave narratives“ ist „Twelve Years A Slave“ von Salomon Northop. Es sind die Memoiren eines Schwarzen, der in New York in Freiheit lebt, eines Tages entführt, in die Sklaverei verkauft und zwölf Jahre lang als Sklave in Louisiana festgehalten wurde. Unter Regie von Steve McQueen wurde das Drama verfilmt, für die Produktion zeichnete sich (u.a.) Brad Pitt verantwortlich. Im Mittelpunkt steht aber natürlich Schauspieler Chiwetel Ejiofor als Solomon Northup. Denn der Film ist ebenfalls sehr auf Northups Geschichte zentriert: Wir erfahren, wie Solomon vor der Sklaverei lebt, wie er in die Hände von Sklavenhändlern gelangt und wie er sich dann bei verschiedenen Mastern durchschlägt. Baumwoll-Pflücken, Floßbauen, Botengänge – Solomon macht alles und versucht immer, wie ein einfältiger Schwarzer zu wirken, um sich vor weiteren Angriffen zu schützen. Allein sein talentiertes Geigenspiel fällt auf, welches ihm aber zumindest etwas „Freizeit“ und die Gunst mancher Master bringt. (mehr …)

Looking after a very sick child was the Olympics of parenting

Kurzreview von Chris Cleave – Gold
Zwei Britinnen, ein Traum: in London olympisches Gold holen. Das ist auch eigentlich alles, was die beiden Bahnradfahrerinnen Kate und Zoe verbindet. Schließlich sind die beiden nicht nur ärgste Konkurrentinnen, sie gestalten ihre Zeit außerhalb des Velodroms auch sehr unterschiedlich: Zoe ist wegen ihrer Männergeschichten ständig in der Presse und prangt groß von den Werbetafeln, Kate hat sich für das Familienleben entschieden: sie und ihr Mann Jack, ebenfalls erfolgreicher Radfahrer, kümmern sich nonstop um ihre an Leukämie erkrankte Tochter Sophie. Weil aber außer Trainer Tom nur wenige Verständnis für diesen zeitintensiven, anstrengenden Beruf haben, sind Tom, Jack, Kate und Zoe ein eingeschworenes Team. Das bringt viel Zuneigung, aber auch viele Probleme, Geheimnisse und Intrigen mit sich.
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Desperate Measures, Desperate Times

Review von Sights & Sounds – Silver Door

Es gibt Bands, die mag man einfach. Die hat man irgendwann vor Jahren mal für sich entdeckt, dann auch ein, zweimal live erleben können und nie wirklich aus den Augen (oder Ohren) verloren. Bei Sights & Sounds gab es allerdings auch nicht viel zu verpassen. Denn war 2009 noch die vertrackte und gefeierte Debüt-LP „Monolith“ erschienen, blieb es danach erstaunlich still. Sänger Andrew Neufeld steckte seine ganze Energie ins Hauptprojekt Comeback Kid und Sights & Sounds mutierten immer mehr zur blassen Erinnerung – bis der Support für die Bring Me The Horizon Tour verkündet wurde. Niemand Geringeres als Sights & Sounds tourte mit ihnen die großen Hallen. Klar, dass dafür neues Material her musste. „Silver Door“ nennt sich dieses und bietet sechs Songs in 24 Minuten. Sechs Songs, wie sie unterschiedlicher tatsächlich nicht sein könnten: Der Opener „Poli’s Song“ ist so leicht und locker komponiert, dass man dazu auch fast das Tanzbein schwingen könnte. „Cards in Place“ erinnert an die schaurig-schönen Postrock-Hymnen von „Monolith“, „Nothing At All“ ist ein gitarrengetriebenes Epos, „Hold on me“  lädt zum Schreien ein, „Solo, so low“ bietet eine merkwürdige Aneinanderreihung noch komischerer Musikinstrumente und der Abschlusssong „Good Morning“ lässt einen fröhlich mitsummen. Ein Meisterwerk also? Mitnichten. Es gibt keinen Über-Hit, keine durchweg starken oder prägnanten Songs. Und auch keine stringente Linie: „Silver Door“ ist wie ein kurzer Sampler mit ganz viel verschiedenen Musikstilen. Zu finden im Mainstream-Regal des Elektromarkts. Denn massentauglich sind sie definitiv geworden, diese Sights & Sounds. Aber – das muss man ihnen lassen – noch nicht poppig-schlecht genug, um komplett verschmäht zu werden…

People go to LA to „find themselves“, they come to New York to become someone new

Review von Lindsey Kelk – I Heart New York (Verliebt, verlobt, Versace)

Bei der mehrtägigen Hochzeitsfeier ihrer besten Freundin erwischt Angela Clark ihren Langzeitfreund in flagranti mit seiner Affäre. Sie verhält sich so, wie sich wahrscheinlich jeder in diesem Moment verhalten würde: Laut ausrasten und damit die Party zum Desaster werden lassen. Doch damit nicht genug, Angela nimmt ihren Koffer und fliegt kurzerhand von London nach New York. Einfach so. Ohne Ortskenntnis, ohne Bekannte und mit den Ersparnissen für ihre nun geplatzte Trauung auf dem Konto. Zunächst checkt sie in das „The Union“-Hotel ein und lässt sich dort verwöhnen. Weil sie sich direkt mit Rezeptionistin Jenny anfreundet, findet sie aber schnell Anschluss und lernt alle Facetten New Yorks kennen. Klar, dass es auch das nötige Betrogen-Werden-Abwechslungsprogramm gibt (Shopping, Shopping, Shopping). Kurze Zeit später folgen Dates und ein Job, der sie mir nichts dir nichts komplett unabhängig von ihrem alten Leben macht. (mehr …)